Syd Barrett
Soloalben: the madcap laughs / barrett

Dieser Text wurde freundlicherweise von Andreas Kölbl zur Verfügung gestellt ( zu seinen PF-Seiten!! )

Roger Keith Syd Barrett - geboren am 6. Januar 1946 - verlebte eine völlig normale Kindheit in Cambridge. Er wuchs in einem großen Haus an der Hill Road auf der schönsten Straße von Cherry Hinton, in der Obhut warmherziger, liebender Eltern. Er war ein beliebter und guter Schüler. Seine Interessen reichten von Zelten und Sport bis hin zu Theater und Malerei, wo er sich besonders hervortat. Seine Vater war ein Fan klassischer Musik, dessen wertvoller Flügel regelmäßig zum Mittelpunkt musikalischer Familienabende wurde, an denen außer Roger Syd Barrett (oder "Syd", wie sein Spitzname lautete) auch seine beiden Brüder und Schwestern teilnahmen. Syd Barrett förderte außerdem die musikalischen Interessen seines jüngsten Sohnes mit dem Kauf eines Banjos und, auf das Drängen des Jungen hin, einer Gitarre.

Als Syd vierzehn war, zerstörte Dr. Syd Barretts plötzlicher Tod das idyllische Bild. Storm Thorgerson sieht in diesem Trauma den ersten "Katalysator" für den späteren Wahnsinn seines Freundes. Es war, in Roger Waters´ Worten, der erste Stein in Syds Mauer.

1962 gab es in Cambridge, wie in den meisten englischen Städten, eine lebendige, blühende Musikszene, gut über hundert Bands spielten auf beiden Seiten der Kluft, die Einheimische und Studenten trennte. Zu den weniger bedeutenden zählten Geoff Mott and the Mottoes, zu denen auch Syd Barrett gehörte, inzwischen stolzer Besitzer einer elektrischen Gitarre, für die er selbst einen kleinen Verstärker gebastelt hatte. Weitere Mitglieder waren Nobby Clarke, ebenfalls Gitarrist, Bassist Tony Santi, und Drummer Clive Welham - sowie der Sänger und Frontman, dessen voller Nachname Motlow lautete. Teilweise, um Syd über den Tod seines Vaters hinwegzuhelfen stellte die stets nachgiebige Mrs. Syd Barrett der Band ihres Sohnes das große, zur Straße hin gelegene Wohnzimmer ihres Hauses als Proberaum zur Verfügung, nachdem die Umstände sie gezwungen hatten, es in eine Pension umzuwandeln.

Das Repertoire der Mottoes bestand aus dem leichtverdaulichen Hitparadenfutter der aktuellen britischen Charts wie den Songs von Cliff Richards Shadows, gelegentlich mit einem Schuß Chuck Berry gewürzt.

Clive Welham beschreibt jene Proben am Sonntagnachmittag als "eine tolle Zeit, echte Sahne", wenngleich sie "recht stümperhaft und naiv waren. Wir waren einfach scharf darauf Musik zu machen, ein paar Gitarrenakkorde mit einem dumpfen Drum zu verbinden." Ein gelegentlicher Besucher dieser "Gigs" war Syd Barretts älterer Schulkamerad Roger Waters, der auf seinem geliebten alten AJS-Motorrad in die Hill Road knatterte, aber ihm fehlte noch immer das Interesse, selbst Musik zu machen.

Wie alle von Syds Cambridger Freunden bemerkte auch der Drummer der Mottoes an ihm kaum ein Anzeichen dafür, daß er musikalisches Genie entwickelte - oder eine geistige Störung. Welham sah in Syd Barrett in erster Linie einen hervorragenden Maler, der als Maler wesentlich talentierter denn als Musiker. Um ehrlich zu sein, Syd war ein lausiger Gitarrist. Selbst als die Floyd berühmt wurden, übertraf seine Kreativität seine musikalischen Fähigkeiten bei weitem.

Ich hätte niemals für möglich gehalten, daß er irgendwann eine geistige Störung entwickeln würde. Ich hielt ihn für einen aufgeweckten umgänglichen Burschen. Sehr relaxed, mit einer Art milliganeskem Humor - irgendwie goonisch." ("The Goon Show" war eine populäre britische Radiosendung mit der absurden Komik von Spike Milligan und Peter Sellers.)

Die bescheidene Karriere der Mottoes fand ihren Höhepunkt in einer sonnabendlichen Tanzveranstaltung in einer örtlichen Schule und einem Benefizkonzert für die Anti-Atomwaffen-Bewegung in den Union Cellars in der Innenstadt. Welham wechselte zu einer halbprofessionellen Band namens The Ramblers über, und Geoff Motlow sang später bei den Boston Crabs, die als erste Cambridger Gruppe einen Plattenvertrag (bei EMIs Columbia, dem späteren Floyd-Label) und fast eine Hitsingle ("Down in Mexico") landen sollte. Nach einem kurzen Zwischenspiel als Bassist bei einer anderen örtlichen Band war Syd Barrett wieder allein und ergötzte auf Partys seine Freunde mit den Songs von Lennon und McCartney und versponnenen Liedchen wie Effervescing Elephant, das seinen ersten Versuch als Songwriter darstellte.

"Er hat uns oft was vorgespielt und vorgesungen", sagt Storm Thorgerson, "und er war der erste von uns, der auf die Beatles abfuhr. Er war bis zu einem gewissen Grad talentiert, aber wir waren ohnehin eine talentierte Gruppe, viele von uns wurden Schriftsteller, Musiker, Künstler und Theaterleuten. Syd war Syd, und obwohl jeder von uns begabt war, konnte niemand ahnen, was die Zukunft bringen würde.

Diese Zeit mit sechzehn, siebzehn ist ungeheuer aufregend, und er gehörte einfach dazu. Wir veranstalteten Picknicks, schwammen im Fluß, gingen auf Partys, fuhren mit dem Auto herum, rauchten zusammen Dope, lachten und machten Musik. Zwar gab es schon damals ein paar Typen bei uns, die ziemlich abgedreht waren, aber nicht Syd. Er war einfach einer von den Jungs."

Genau einen Monat nach der offiziellen Erklärung vom 6. April 1968, daß Syd Barrett die Pink Floyd "verlassen" hatte, lotste ihn Peter Jenner zurück in die Abbey Road. Begierig zu beweisen, daß B1ackhill recht gehabt hatte, auf Syd statt auf den Rest der Band zu setzen, produzierte Jenner in diesem Frühling tatsächlich genug Material für eine Solo-LP. Aber die Tracks die von der unmelodischen, frei assoziierten Indianersaga Swan Lee bis hin zu dem instrumentalen (und unmelodischen) Gitarrenexperiment "Lanky" reichten wurden als zu... nun, unzugänglich für ein breiteres Publikum befunden. EMIs Mißvergnügen wurde noch durch die beschädigten Mikrofone und die "allgemeine Unordnung" verstärkt, die Syd Barrett in der Abbey Road hinterließ.

Syd zog in der Zwischenzeit in Storm Thorgerson s Wohnung im Egerton-Court-Komplex gegenüber der U-Bahnhaltestellte South Kensington. Er übernahm das Zimmer von einem anderen alten Freund aus Cambridge, Nigel Gordon; weitere bohemehafte Mitbewohner waren Mick Rock (der Syd Barrett während dieser Zeit als eine "zum Absturz verdammten schwerelose Kraft" romantisierte), Storms Kommilitone am Royal College of Art und Designpartner Aubrey,Po" Powell und ein Harry Dobson. Trotz Jenners Erleichterung, daß sein Starklient jetzt unter den Fittichen von Storm und Po war, die als "zuverlässig" galten, schildern andere das Leben am Egerton Court als ganz und gar nicht ersprießlich. Laut dem Schriftsteller Jonathan Meades war Syd Barrett "dieses ziemlich ausgeflippte, exotische und halbwegs berühmte Geschöpf... das in dieser Wohnung mit diesen Leuten zusammenlebte, die bis zu einem gewissen Grad sowohl beruflich als auch privat von ihm lebten. Ich ging Harry besuchen und hörte diesen furchtbaren Lärm. Es klang, als würden Heizungsrohre klappern. Ich fragte "Was ist das?" Und er kicherte und meinte "Das ist Syd auf einem schlechten Trip. Wir haben ihn in den Wäscheschrank gesperrt."

"Ich weiß nichts davon, daß, Syd in einen Schrank gesperrt wurde", entgegnet Thorgerson. "Für mich klingt das wie pure Fantasie, als wäre Jonathan Meadles selbst auf Acid gewesen. Aber es ist durchaus möglich, denn wir haben damals alle möglichen spaßigen und weniger spaßigen Sachen gemacht. Es gab jede Menge Dope und die Leute waren in den verschiedensten Zuständen des "Reisens" und "Erforschens". Manchmal waren alle in der Wohnung, nicht nur Syd, leicht desorientiert.

Als er einzog, war er schon ziemlich hinüber. Es wechselte ständig - mal war er normal mal nur halbwegs normal. Ich hatte damals weder besonders viel Ahnung von. Psychologie, noch war ich in der Lage, damit zurechtzukommen. Wir flippten alle auf dem Höhepunkt der psychedelischen Welle in London herum, es war eine extrem aufregende Zeit, und die Hälfte der Leute war die Hälfte der Zeit völlig weggetreten. Jeder war auf seine eigene Art bekloppt. Die Hälfte von uns ging zum Seelenklempner oder verzog sich nach Indien. Wir waren alle verdammt labil, um es vorsichtig auszudrücken." Storm meint jedenfalls, daß "keiner den Nerv hatten einen Freund, mit dem er aufgewachsen war als "verrückt" zu bezeichnen. Sofern er nicht sabberte und Leute zusammenschlug, hielt man sich bedeckt."

Thorgerson sagt, daß Syd Barrett diesen Kriterien bei einem "besonders schrecklichen" Zwischenfall am nächsten kam, als er mit einer Mandoline auf den Kopf seiner Freundin einschlug - "sie lag schreiend auf dem Boden, während er breitbeinig über ihr stand und sie nach unten drückte. Wir mußten ihn von ihr wegzerren und ihm die Mandoline abnehmen." Dies war jedoch nur der letzte in einer ganzen Reihe "furchtbarer Kräche", an denen schließlich die Beziehung der beiden zerbrach.

In manchen Nächten führte das Bedürfnis nach Abwechslung Syd ins Jugendhotel am Holland Park, geradezu ein Nest voller junger Acidfreaks aus aller Herren Länder. Wenn seine Trips außer Kontrolle gerieten, kroch er manchmal in der nahegelegenen Wohnung einer ehemaligen Mitarbeiterin unter, der er vertraute. Obwohl Roger Waters zu diesem Zeitpunkt ein Stockwerk über June Bolan wohnte,,ist Syd nie nach oben gegangen, um an Rogers Tür zu klopfen, sondern er kam stets zu mir. Ich war noch immer die June, und das "Büro" hatte immer für ihn gesorgt - es bedeutete Stabilität, es bedeutete Schecks am Freitag, und wenn man was brauchte, rief man das Büro an.

Er trudelte völlig verdreckt und total verstört um fünf Uhr morgens ein und faselte etwas davon, daß die Polizei und alle möglichen Leute hinter ihm her wären. Ich sagte "Kommn setz dich, möchtest du eine Tasse Tee, möchtest du baden?" "Nein hast du einen Scheck für mich? Dabei stand er schon seit einem Jahr nicht mehr auf der Lohnliste!" June gab ihm jedoch Geld fürs Taxi, ehe sie ihn auf den Heimweg nach Egerton Court schickte.

Immer ruhelos, schien es Syd Barrett nie für längere Zeit in einer Wohnung aushalten zu können. (Er hatte außerdem das Talent, sich unbeliebt zu machen.) Sein nächster Umzug führte ihn in die Earls Court Wohnung des langjährigen Floyd-Freundes Duggie Fields. Eine Generation später wirkt es ironisch, daß der ehemalige Floyd-Star seinen neuen Hausgenossen - der ein erfolgreicher Künstler werden sollte - mit den Worten verspottete: "Duggie, du bist dreiundzwanzig und nicht berühmt!" Was Syd immer noch war, wie Fields zu seinem "sprachlosen Erstaunen" angesichts der "vielen Leute" feststellen mußte, "die in unsere Wohnung kamen und völlig außer sich gerieten, wenn einer von der Band da war. Manche Mädchen waren einfach fantastisch, und sie warfen sich Syd buchstäblich an den HaIs."

Und dennoch war Syd Barrett laut Fields seinem Ruhm und seiner körperlichen Anziehungskraft gegenüber fürchterlich ambivalent. "Die Leute kamen und er schloß sich in seinem Zimmer ein. Da waren diese Mädchen, die buchstäblich die ganze Nacht an seine Schlafzimmertür klopften, und er hatte sich eingeschlossen, saß in der Falle. Bis zu einem gewissen Grad hat er sie zu diesem Verhalten ermutigt, aber er konnte damit nichts anfangen; er ärgerte sich darüber."

Syd Barrett wurde in der Tat von der Vorstellung verfolgt, daß er als Versager enden würde. Das zugrundeliegende Problem war laut Fields, daß "ihm die Welt zu Füßen lag, daß er alle Möglichkeiten hatte und sich nicht entscheiden konnte. Er hatte große Probleme, sich über längere Zeit auf etwas zu konzentrieren - er gehörte zu den Menschen, die mitten im Satz ihre Meinung ändern. Er hörte auf verlor die Motivation und stellte das, was er gerade machte in Frage - und wenn es nur ein Spaziergang war." Syds Stimmungen waren ähnlich wechselhaft; in einem Moment paranoid, deprimiert oder katatonisch, konnte er im nächsten ohne weiteres "fröhlich, charmant und amüsant" sein.

Während Fields mit begrenztem Erfolg versuchten seinen Freund zum Malen zu ermuntern, bemühte sich Bryan Morrisonn Syd Barrett wieder ins Blickfeld der Öffentlichkeit zu rücken, indem er für ihn die Werbetrommel rührte. Trotz aller Anstrengungen Jenners und Kings sah Syd Barrett in ihnen nicht länger seine Manager; schließlich wurden die Pink Floyd jetzt von "Morrie" gemanagt und Syd Barrett hatte seine Trennung von der Band nie ganz akzeptiert. Morrison, der schon seit langem die Rechte an Syds Floyd Songs kontrollierte, war glücklich, sich nun auch um Syd Barretts persönliche Angelegenheiten kümmern zu können, so es denn welche gab.

Jonathan Green, damals ein Mitarbeiter der kurzlebigen englischen Ausgabe von Rolling Stone, erinnert sich wie er zu einem Interview mit Syd Barrett in Morrisons neues Büro bei NEMS Enterprises auftauchte, eine Firma, die ursprünglich vom Beatles Manager Brian Epstein gegründet worden war. "Er hatte noch kein Album herausgebracht und ich wußte nicht, was ich überhaupt da wollte", sagt Green. "Ich betrat dieses große weiße Zimmer und da war Syd, ganz in Weiß gekleidet. Es war alles sehr bedrückend. Syd starrte die ganze Zeit zu einem Winkel an der Decke hinauf und sagte "He, Mann, he sicher."

Morrison versuchte, Syd Barrett dazu zu bringen, seine religiösen Einsichten mit den Lesern des Rolling Stone zu teilen, aber der "Piper" wollte davon nichts wissen. "Ja, ja", murmelte er gleichgültig.,Jetzt schau mal nach oben - siehst du die Leute an der Decke?" Green verzichtete schließlich auf den Artikel.

Im März 1969 ließ der unberechenbare Syd Barrett nichtsdestotrotz die Abbey Road wissen, daß er wieder eine Platte aufnehmen wollte. Die Nachricht erreichte den inzwischen verstorbenen Malcolm Jones von EMI, einen ehemaligen Rockmusiker in seinen Zwanzigern, der Gruppen wie Deep Purple und Marc Bolan unter Vertrag genommen und kurz zuvor seinen Bossen die Erlaubnis abgerungen hatte, ein "progressives" EMI-Tochterlabel namens Harvest Records zu gründen (bei dem schließlich auch die Pink Floyd landen sollten). Als Bewunderer von Syds Werk war Jones von dem Gedankenn ihn für Harvest zu gewinnen, wie elektrisiert. Er verlor keine Zeit und vereinbarte ein Treffen, bei dem Syd Barrett fast wieder so charismatisch wie früher zu sein schien.

Trotz des Reinfalls mit Syds vorherigem Soloprojekt waren Jones´ Vorgesetzte Roy Featherstone und Ron White bereit, das Risiko mit dem ehemaligen Floyd-Star einzugehen. Schließlich war Syd Barrett für die beiden einzigen Hitsingles der Gruppe verantwortlich gewesen - etwas, das bei der neuen Platte seiner Ex-Kollegen, Ummagumma, nicht in Sicht war. Featherstone und White bestanden allerdings darauf einen Produzenten anzuheuern, der ihnen direkt verantwortlich war. Nachdem Norman Smith abgewunken hatten übernahm Jones, der bereits eine LP der Love Sculpture produziert hatte, den Job.

Seine Begeisterung wuchs noch, als Syd ihm Songs wie "Terrapin" und "Clowns and Jugglers" präsentierte - später in Octopus umbenannt und als Single veröffentlicht, dessen Text dem Titel des Albums entlehnt wurde: The Madcap Laughs. Der Harvest Boss war besonders beeindruckt von einem "extrem eindringlichen Song" namens Opel, einem impressionistischen "Traum in der Ungewißheit eines fernen Landes", der immer intensiver und persönlicher wurde, ehe er mit dem herzergreifenden Schrei "Ich ertrinke." endete. Jones buchte sofort die Abbey Road für eine Reihe von Sessions, die am 10. April 1969 begannen.

Syd Barrett wirkte anfangs enthusiastisch und auf Draht, als er die Sologitarren- und Vocaltracks für sechs Nummern einspielte, von denen die erste "Opel" war. (Unerklärlicherweise strich Syd später die vielleicht stärkste seiner Post-Floyd-Kompositionenn fast so, als wäre "Opel" einfach zu gut, als daß er in seinem zerrütteten Allgemeinzustand damit zurechtkommen konnte.) In der zweiten Woche brachte Syd Barrett Willie Wilson von Quiver und Jerry Shirley von Humble Pie mit, die ihn auf No Man's Land und Here I Go begleiteten.

Aber Syds Gitarrenspiel erwies sich nach den Worten seines Produzenten während der Sessions als "extrem sprunghaft. Er wechselte ständig von Rhythmus zu Lead und trieb den Lautstärkepegel in den Rotbereich) daß die Aufnahme wiederholt werden mußte. Er hatte einfach zuviele Ideen und wollte sie alle auf einmal verwirklichen!" Jones war erst eine Atempause vergönnt, als Syd Barrett sich in den Kopf setzte, den daheim aufgenommenen Lärm eines Motorrads mit "Rhamadan" zu verbinden, einem achtzehnminütigen Kongatrommelstück aus den Sessions mit Peter Jenner, und einen ganzen Tag mit dem Abmischen verschwendete.

Zu einer etwas produktiveren Aufnahme kam es Anfang Main als die alten UFO- Rivalen der Floyd, die Soft Machine reduziert auf Mike Ratledge am Keyboard, Hugh Hopper am Bass und Robert Wyatt an den Drums - ins Studio kamen, um die Begleitmusik zu Syds Rohaufnahmen von No Good Trying and Love You einzu spielen. Laut Wyatt glaubten die Softs, "daß die Sessions Proben waren. Wir fragten "Ist das die richtige Tonart?" und er antwortete "Ja" oder "Das klingt komisch."

Da Syd Barrett die Varietéstruktur von "Love You" durch Instrumentalbreaks von acht, sieben und sechseinhalb Takten zerhackt hatten hatte die Band erhebliche Probleme. Aber ganz im Sinne seiner Philosophien nach der Spontanität am wichtigsten war bestand Syd darauf, daß der stümperhafte erste Take perfekt war und lehnte eine Wiederholung der Aufnahme ab. (Aus vertraglichen Gründen konnten die Soft Machine auf dem Cover von The Madcap Laughs nicht genannt werden.)

Zu dieser Zeit machten sich die Bigshots von EMI bereits ernste Gedanken über die wachsenden Kosten eines Albums, das noch immer erst halb fertig war. Der stets fürsorgliche David Gilmour, der seit dem Split engen Kontakt mit Syd gehalten und seine Fortschritte im Studio verfolgt hatte, informierte Malcolm Jones, daß Syd mit ihm und Roger Waters den Rest der Platte produzieren wollte. Jones, dem es ja gelungen war Syd Barrett wieder zum Arbeiten zu bewegen, gab sofort seine Zustimmung in der Hoffnung, daß eine Zusammenarbeit mit Mitgliedern seiner früheren Band Syd nicht nur ein angenehmeres Umfeld verschaffen, sondern ihm auch einige floydianisch inspirierte Songs entlocken würde. Der Haken war, daß David Gilmour und Roger Waters nur drei zunehmend hektische Sessions zur Verfügung standen, um The Madcap Laughs zu vervollständigen, das dann zur Gänze von Dave abgemischt wurde.

Die meisten dieser Aufnahmen bestanden hauptsächlich aus Syds Gesang und akustischer Gitarre; die einzigen wirklichen Produktionen der beiden Floyd waren Octopus und Golden Hair, ein frühes James Joyce Gedicht, zu dem Syd Barrett mit achtzehn, neunzehn Jahren die Musik geschrieben hatte. Für The Madcap Laughs wurde es dezent mit Bass, Becken, Vibraphon und Orgel unterlegt, wobei das letztere von Richard Wright gespielt wurde. Aber Dave und Roger hielten es für angebracht, dieser glatten musikalischen Politur die Realität entgegenzustellen und Syd zu präsentieren, wie er sich holprig durch die anschließenden akustischen Tracks arbeitete, komplett mit falschen Anfängen und Studiogemurmel - So daß, ob nun durch Zufall oder Absicht, der Hörer ein Album in der Hand hielt, das fast so entnervend und verstört war, wie der Künstler.

In den ersten Tagen des Jahres 1969 veröffentlicht, wurde The Madcap Laughs wohlwollend aufgenommen (Melody Maker nannte es in unbewußter Hellsichtigkeit "ein schönes Album voller Wahnsinn und Verrücktheiten") und verkaufte binnen acht Wochen in England die respektable Zahl von über sechstausend Stück, obwohl die Platte kaum im Radio gespielt wurde. Dergestalt überzeugt, daß ihn seine Fans doch nicht vergessen hatten, gab Syd eine ganze Reihe relativ vernünftiger Presseinterviews. (Er sprach sogar über die Floyd und die Fortschritte, die die Gruppe hätte machen können. Aber sie machte keine, oder nur in dem Sinne, daß sie weiterexistierte. Die Arbeit an der Platte war eine Herausforderung, da ich völliges Neuland betreten mußte.")" Und er begann sofort mit David Gilmour und EMI eine weitere Soloplatte zu planen.

Das zweite Album, das unter dem schlichten Titel Syd Barrett im November 1970 erschien, profitierte hauptsächlich von der personellen Kontinuität und einem Anflug von Struktur. Dieses Mal teilte sich David Gilmour die Produzentenrolle mit Richard Wright, nachdem Roger Waters gestöhnt hatte: "Das kann ich nicht noch einmal ertragen!" Zur Band gehörten Jerry Shirley an den Drums, Rick an den Keyboards und Dave (der darauf bestand, daß Syd alle Gitarrensoli übernahm) am Bass. Dennoch - trotz der schwungvollen, Piper-ähnlichen Baby Lemonade und Gigolo Aunt - litt Syd Barrett zu sehr unter Syds zunehmender Unfähigkeit, zusammenhängend zu spielen oder sogar zu schreiben; vieles stammte aus jener Schublade mit den Stücken, die Pink Floyd bereits abgelehnt hatten. In bester "Have You Got It Yet?" Tradition schien Syd Barrett zudem entschlossen, nie wieder einen Song zwei Mal auf die gleiche Weise zu spielen.

David Gilmour unterstützte seinen Freund heroisch bis zum Ende des Projekts, sichtete vor jeder Session geduldig mit ihm das Material und übersetzte Syd Barretts versponnene Ideen in eine für Richard Wright und Shirley verständliche Sprache. Doch oft endete es damit, daß Dave Syd ein lediglich ein passables Solo entrang, das er und Rick später mit einem Arrangement versahen. Wenn das Ende des Überragenden Dominoes ein wenig wie das 1969er More der Floyd klingt, so liegt es einfach daran, daß Syd Barrett so abrupt zu Spielen aufhörte, daß Richard Wright und David Gilmour sich gezwungen sahen, ihre eigene Coda hinzuzufügen.

Bei diesem Song biß sich Syd dermaßen in einen Leadgitarrenpart fest, daß Dave in seiner Not das Band rückwärts abspielte. Als Syd Barrett seine "Dominoes" rückwärts hörte, wurde er abrupt aus seiner Trance gerissen - und spielte nach Jerry Shirleys Meinung "das beste Leadsolo, das ich je gehört habe. Alles in einem Durchgang, ohne eine einzige falsche Note." Vorfälle wie dieser Überzeugten manche Mitarbeiter, daß Syd trotz aller Probleme über außerordentliche geistige Kräfte verfügte (oder von ihnen besessen war).

Die Arbeit mit Syd Barrett raubte dennoch "Dave den letzten Nerv" sagt Storm Thorgerson. "Syd kam nicht zu den vereinbarten Aufnahmesessions, er spielte die falschen Songs, er vergaß die Texte - es war ein Alptraum. Es ist erstaunlich, daß sie es trotzdem schafften, ein ganzes Album einzuspielen.

Während der Aufnahmen spielte Syd Barrett mit David Gilmour und Shirley - in zwei live übertragenen Radiosendungen der BBC und sagte sogar zu, beim Londoner Extra- vaganza 70 Musik und Modefestival am 6. Juni aufzutreten. Aber dann bekam Syd kalte Füße und Dave und Jerry mußten ihn buchstäblich auf die Bühne zerren. Syd Barrett riß "Terrapin" "Gigolo Aunt" und "Effervescing Elephant" herunter, präsentierte ein dynamitgeladenes Octopus - und brachte seinen ersten öffentlichen Auftritt der Post Floyd-Ära zu einem abrupten und vorzeitigen Ende.

Vier Jahre später sagte Richard Wright über Syd Barretts Platten: "Ich kann mir nicht vorstellen" daß irgend jemand sie mag; musikalisch sind sie grauenhaft. Die meisten Songs waren großartig, aber wegen Syds damaliger Verfassung war es unmöglich, einen vernünftigen Sound zu bekommen. Zumindenst kann man sich so ein Bild von Syds Zustand während dieser Zeit machen."

Die Songs auf The Madcap Laughs und Syd Barrett sind von Inhalt und Struktur her Syds Pink-Floyd-Werken ähnlich, doch das Handwerkliche scheint seinem Wahnsinn zum Opfer gefallen zu sein; im Vergleich zu The Piper At The Gates Of Dawn klingen sie flach, lustlos, dumpf und unbeholfen. "Es ist alles in seinem Kopf" sagte Shirley" "aber nur Bruchstücke finden ihren Weg nach draußen. An einem Tag singt er eine Melodie absolut perfekt und am nächsten Tag singt er eine völlig andere Melodie oder einfach falsch."

Syd Barretts späteres Material versprüht dennoch brillante Funken fantastischer Imagination - bestehend aus (um es mit seinen eigenen Worten zu sagen) "Kleehonigtöpfen einer mystischen" glänzenden Saat" und "gestöhnten Magnesiumsprichwörtern und Seufzern." Aber die Visionen sind nun von verzweifelter Trostlosigkeit: "Kalte Eisenhände applaudieren draußen den Clowns." "Licht trübt den Nebel, die Toten winken uns zurück in die Reihe". "Ein geborstener Pier an einer wogenden See." Und oft weichen die Phantasmagorien einsichtsvollen Kommentaren über Syds verwirrte Seele: "Tief in mir fühle ich mich so allein und unwirklich". "Bitte, hebe eine Hand, ich habe mein ganzes Gehirn tätowiert."

Während die Insekten, die unpassenderweise das Syd Barrett Cover schmücken, ein Produkt aus Syds Kunsthochschultagen waren, stammte die Hülle des Madcap von seinen ehemaligen Mitbewohner Storm Thorgerson und "PO" Powell (die seine Ex-Band bereits mit zwei Covern versorgt hatten) und Mick Rock (dessen Karriere als Fotograf wie er sagt, allein durch die rein freundschaftlich gemachten Schnappschüsse von Syd ins Rollen kam). Das Trio fotografierte den Künstler in seiner damaligen Bude in Earls Court, deren Dielen Syd zu diesem Anlaß mit festlich orange- und purpurfarbenen Streifen bemalte.

Aber Thorgerson sagt, daß die nackte Orientalin, die im Hintergrund zu sehen ist, kein gestellter Akt war. "Die ganze Wohnung hatte eine lasterhafte, vermutlich drogenbedingte Ausstrahlung - wozu auch gehörte, daß dieses Mädchen um elf Uhr morgens splitterfasernackt herumlief. Nicht, daß es mich erstaunt oder ich es moralisch verdammt hätte; es war nur einfach nicht besonders... normal."

Wie immer machte das blutsaugerische Gesindel, das sich bei Syd einnistete - zusammen mit seiner Unfähigkeit "Nein" zu sagen - ein normales Alltagsleben gänzlich unmöglich. Er begann voller Sehnsucht davon zu sprechen, daß er gern heiraten und sich in der Vorstadt niederlassen, Medizin studieren und wie sein Vater Arzt werden würde. Eine Zeitlang mietete seine neue Freundinn Gayla Pinion ein weiteres von Duggie Fields Earls-Court-Zimmern; aber als sie auszog, erlaubte Syd Barrett einem Trio seiner jungen Bewunderern das winzige Kabinett zu übernehmen. Aus drei wurden bald fünf und sie schwirrten ständig um ihn herum, zusammen mit einem endlosen Strom von Besuchern - die alle um die Aufmerksamkeit ihres Idols buhlten und ihn ständig mit Drogen versorgten.

Als Syd es nicht mehr ertragen konnte, floh er zu seiner Mutter nach Cambridge und überließ es Fields, das Gesindel loszuwerden. Dies gelang ihm schließlich mit einem Hinweis auf Syd Barretts "gewalttätige Seite", die jeder, der schon einmal längere Zeit mit ihm verbracht hatte, unter keinen Umständen hervorlocken wollte.

1971 lebte Syd also in Cambridge. Obwohl seine Solo-LP erst 1974 in Amerika erscheinen sollte, brachte Rolling Stone einen Artikel über ihn - ohne Verfasserangabe, aber in Wirklichkeit von Mick Rock geschrieben, der Syd im Keller des Hauses seiner Mutter aufgespürt hatte. Rock berichtete, daß Syd Barrett "hohlwangig und bleich" aussah und sich "in seinen Augen ein permanenter Schockzustand" spiegelte. "Er hat die Schönheit, die man normalerweise mit den Poeten alter Zeiten verbindet."

Wie seine Songs machte auch Syd abwechselnd einen klaren und einen verwirrten Eindruck. Er erzählte Rock, daß er sich "voller Staub und Gitarren" fühlte und mit fünfundzwanzig Angst vor dem Altwerden hatte. "Ich denke, daß junge Leute Spaß haben sollten, aber ich habe nie welchen gehabt." Dennoch bestand er darauf "total normal" zu sein und fügte hinzu: "Ich bin auf jeden Fall nicht das, was du meinst."

Anfang 1972 überredete Syds Nachbar Twink der ehemalige Drummer von Tomorrow, der Pretty Things und der Pink Fairies ihn zur Gründung einer neuen Cambridger Band Namens Stars. Abgesehen von ein oder zwei Gigs in einem Café, fand der erste ( und einzige) öffentliche Auftritt des Trios in der Cambridge Corn Exchhange statt, als Vorgruppe von MC5. Syd Barrett, Twink und der Bassist Jack Monck hatten eine Syd-Retrospektive geprobt, zu der auch Floyds Lucifer Sam und einige Highlights von den Solo-LPs gehörten, aber dann gab die Lautsprecheranlage den Gesang nur unverständlich wieder. Moncks Verstärker versagte; und Syd, der es irgendwie geschafft hatte, sich in den Finger zu schneiden, rastete aus.

Unter den schockierten Augenzeugen befand sich der Drummer von Syds erster Band. "Er war völlig daneben - stolperte herum und stammelte beim Singen", erinnert sich Clive Welham. "Das Publikum klatschte nur aus Mitleid, denn die Musik war von armseliger Qualität, als wären ein paar Betrunkene am Werk." Als Welham in der Garderobe vorbeischaute, schien sich Syd Barrett nicht einmal mehr erinnern zu können wer er war. Einige vernichtende Presseberichte waren auch nicht dazu angetan, Syd Barretts Paranoia zu lindern, und er spielte nie wieder mit Twink.

Ungefähr zu dieser Zeit besuchte Syd Barrett seine Jugendiebe Libby Gordon, die wie Storm Thorgerson meint, "eine eher traurige Geschichte über seinen Besuch in ihrem Haus zu erzählen hat. Für ein oder zwei Tage schien alles in Ordnung, und dann fand sie ihn eines frühen Morgens mit einer Schere im Garten, wie er die Blumen köpfte. Dies gehört nicht unbedingt zu den Dingen, mit denen man sich beliebt macht, und sie warf ihn hinaus."

Und dennoch, wie immer bei Syd gab es Zeiten, in denen der "Madcap" die gedämpften Erwartungen seiner alten Freunde erfüllen konnte. Pete Brown war sehr überrascht, als er in einem Club in Cambridge zu einer Lesung seiner Gedichte eintraf. Ich hatte mich dort mit Jack Bruce verabredet", erinnert sich Brown, "und nach dem Gig wollten wir zu ihm nach Colchester fahren, sechzig Kilometer weiter östlich, um zu arbeiten. Ich kam erst sehr spät an und auf der Bühne spielte diese wahnsinnige Band diesen interessanten, abgefahrenen Jazz. Jemand hatte Jack erkannt und ihm einen Kontrabass gereicht, auf dem er dann spielte, und da war noch ein Gitarrist, der mir vage bekannt vorkam.

Bei meiner Lesung sagte ich "Ich möchte dieses Gedicht Syd Barrett widmen, weil er hier in Cambridge lebt und einer der größten Songwriter des Landes ist." Woraufhin der Gitarrist dieser Band, der jetzt im Publikum saß, aufstand und sagte.Nein, das bin ich nicht. Das war er. Und daß er auf die Bühne gehen und mit Jack Bruce spielen konnte, war schon etwas."

In den nächsten zwei Jahren pendelte Syd Barrett zwischen Cambridge und einem Penthousezimmer im Londoner Park Lane Hilton Hotel hin und her. Er lebte extrem zurückgezogen und tat überhaupt nichts nur um zuzusehen, wie sein legendärer Ruf sich in einen der hartnäckigsten Kulte verwandelte, die der Rock´n´Roll je gesehen hatte. Bis zu einem gewissen Grad erinnerte es an den späten Jim Morrison, dessen Status sich indirekt an den bizarren Eskapaden seines brillanten und charismatischen Gegenkultur-Images nährte, bis er sich schließlich von den abseitigeren Seiten seiner eigenen Künstler- und Medienrolle beherrschen - und schlußendlich - zerstören ließ. Nur daß Syd nicht gestorben war.

Die 1972 erfolgte Gründung der Syd Barrett Appreciation Society, die eine Zeitschrift mit dem Titel Terrapin sponsorte, ließ die Syd-Freaks in so weit entfernten Ländern wie Brasilien, Israel und der Sowjetunion aus ihren Löchern kriechen. Selbst die massenhaft verbreiteten Popgazetten berichteten über Syd Barrett-"Sichtungen" in einem atemlosen Ton, der jeder UFO-Landung zur Ehre gereicht hätte. Ein bedeutenderer Tribut wurde ihm von NMEs Nick Kent erwiesen, der 1974 einen fünftausend Worte langen Artikel über Syds Aufstieg und Fall veröffentlichte.

Doch obwohl es sich zunehmend auf Zeichnungen und Gedlichte der Fans und Syd-Syd Barrett-Kreuzworträtsel stützte, war das auf den Nachdruck von alten Zeitungsberichten und Texten spezialisierte Terrapin mangels Material zum Untergang verdammt. Wie Herausgeber John Steele 1976 in einer seiner letzten (und schmalsten) Ausgaben feststellen mußte, "kann die Society nicht weiterarbeiten, wenn es nichts Neues zu berichten gibt und die Leute der alten Platten überdrüssig sind, so fantastisch sie auch sein mögen."

Dennoch bekam Syd Barrett Mitte der Siebziger mehr Tantiemen als je zuvor, dank David Bowies jüngster Coverversion von See Emily Play und der Neuveröffentlichung der ersten beiden Pink-Floyd-LPs als A Nice Pair. Cambridge überdrüssig, zog er wieder ganz nach London, wo ihn Bryan Morrison in zwei Zimmern im imposanten Backsteingebäude des Chelsea Cloisters unterbrachte, einer Pension unweit der vornehmen Kings Road.

Dort platzte er bei einer "Syd-Sichtung" in eine schicke Boutique, probierte Hosen in drei verschiedenen Größen an und behauptete, alle würden perfekt passen. Wenn er ruhelos in Chelsea herumwanderte, traf man Syd Barrett oft in einem nahegelegenen Pub, wo er allein in einer Ecke saß und Guinness in sich hineinkippte.

Wieder im "Kloster", hinter permanent geschlossenen Fenstern und zugezogenen Vorhängen, den überwältigend muffigen Geruich ignorierend, verbrachte Syd die Zeit damit, auf einen riesigen, von der Decke hängenden Fernseher zu starren oder zwanghaft den Kühlschrank zu plündern. Binnen eines Jahres blähte sich sein schlanker Körper auf ein Gewicht von etwa zweihundert Pfund auf - woraufhin der einstige psychedelische Adonis die Transformation (und die Selbstlestrafung, wie einige meinen) vervollständigte, indem er sich den Kopf kahl schor. Als John Marsh Syd in Hawaihemd und Bermudashorts auf der Straße traf wurde der frühere Floyd- Beleuchter an "ein Bild Aleister Crowleys als älterer Herr" erinnert. Andere Bekannte beschrieben ihn einfach als "Fettkloß."

Trotz all seiner Eigenheiten, zu denen ein gelegentlicher von Arnold Layne inspirierter Ausflug in Frauenkleidung gehörte - gewann "Mr. Syd Barrett" die Sympathien der Angestellten des Chelsea Cloisters, indem er ihnen wahllos seine Gitarren, Fernseher und Stereoanlagen schenkte. Und zumindest ein Botenjunge bekam ein Trinkgeld von mehreren hundert Pfund.

In der Zwischenzeit entschloß sich EMI, von dem zunehmenden Kult um Syd - und von dem außerordentlichen Erfolg seiner Ex-Band mit The Dark Side Of The Moon - zu profitieren und brachte The Madcap Laughs und Syd Barrett als Doppelalbum unter dem schlichten Titel Syd Barrett neu heraus. Storm Thorgerson, der ein aktuelles Foto des Künstlers für das Coverdesign brauchte, begab sich mit schußbereitem Fotoapparat ins Chelsea Cloisters, nur um von Syd hinausgeworfen zu werden. Als er am nächsten Tag zurückkehrten ließ Syd Barrett seinen alten Kumpel nicht einmal mehr ins Zimmer. "Ich habe den Job trotzdem so gewissenhaft wie möglich erledigt". sagt Thorgerson, der sich schließlich ein recht ergreifendes Arrangement aus alten Syd Barrett-Fotos und -Memorabilien ausdachte. "Aber es war nicht angenehm, an seine Tür zu klopfen und hören zu müssen, ich solle mich verpissen - und das, obwohl ich etwas für ihn tun wollte.

Peter Jenner hatte Ende 1974 kaum mehr Glück, als er versuchte, Syd Barretts Karriere mit einer neuen So1oproduktion wieder in Gang zu bringen. Syd tauchte zwar im Aufnahmestudio auf - aber ohne Saiten an seiner Gitarre. Nachdem Phil May von den Pretty Things einen Satz zur Verfügung gestellt hatte, reichte jemand Syd Barrett ein Blatt Papier mit den Texten zu seinen neuen Songs, die Jenner als minimalistische "Skizzen" bezeichnete. Unglücklicherweise waren sie mit rotem Farbband getippt worden; und Syd, der glaubte, daß man ihm eine Rechnung präsentierte, biß dem Überbringer wütend in die Hand.

Die Sessions schleppten sich über drei Tage dahin, in denen der desorientierte Künstler oft das Interesse verlor und nach draußen ging, um frische Luft zu schnappen. Wie der Techniker feststellte, kehrte Syd bald zurück, wenn er sich beim Hinausgehen nach rechts wandte; wenn er sich aber nach links wandte, war er für den Rest des Tages nicht mehr gesehen.

"Es war überaus frustrierend und ärgerlich und sehr traurig", sagt Jenner. "Manchmal entstand etwas aus dem Chaos und der Konfusion, das Bruchstück einer Melodie, der Fetzen eines Textes. Gelegentlich hatte sein kranker Geist lichte Momente. Die Blumen wuchsen noch, aber er konnte sie nicht pflücken." Obwohl es Jenner gelang, einige Instrumentaltracks aufzunehmen, ehe er das Projekt als hoffnungslos aufgab, machte das Fehlen jeglichen Gesangs es EMI unmöglich, Syd Barretts unvollendetes drittes Album in irgendeiner Form auszuschlachten.

"Er ist ein großartiger Künstler, ein unglaublich kreativer Künstler, und es ist eine Tragödie, was das Musikgeschäft ihm angetan hat", erklärte Jenner später in einem kanadischen Rundfunkinterview und fügte hinzu, daß er und allen die mit [Syd Barrett] zu tun hatten eine Menge zu erklären haben." Das Pink Floyd-Album aus dem Jahr 1975 Wish You Were Here sollte zeigen, daß Syds ehemalige Band genauso dachte.

Abgesehen von der Tatsache, daß er wie von einem unheimlichen sechsten Sinn gesteuert, in dem Studio materialisierte, als die Floyd gerade ihren überragenden Syd Barrett-Tribut Shine On You Crazy Diamond (Part 1-5) abmischten, waren die einzigen weiteren Kontakte des "Pipers" zur Rockwelt seine Besuche in Bryan Morrisons Büro, wo er seine Songwritertantiemen abholte. Es war, um es mit den Worten des Syd Barrett Archivars Mark Patress zu sagen, "schmerzhaft deutlich, daß die Welt der Erwachsenen zu grausam, zu korrupt und vor allem zu irreal für Syd Barrett war."

Am Ende des Jahrzehnts zog Roger Syd Barrett - wie er nun genannt werden wollte zurück nach Cambridge, offenbar für immer. Susie Wynne Willson sah ihn zum letzten Mal Anfang der Achtziger, als sie ihn leicht.sinnigerweise zu einer Feier der Sant Mat Sekte brachten Aber jede Hoffnung, das fünfzehn Jahre alte Trauma von Syd Barretts Zurückweisung durch die religiöse Gruppe zumindest zu lindern, verflog beim Ausruf eines hochnäsigen, jungen Sektenmitglieds: "Oh seht mal, wer da ist - das ist Syd Barrett !" Die lebende Legende floh sofort, und Susie mußte ihm nachlaufen, ehe sie ihn nach Hause fahren konnte.

Zu dieser Zeit war die Zahl der "Sichtungen" in der Rockpresse drastisch zurückgegangen. 1982 erschlichen sich zwei Mitarbeiter des französinschen Magazins Actuel ein ein kurzes Treffen mit Syd Barrett - sowie seiner im Hintergrund lauernden Mutter unter dem Vorwand ihm Wäsche zurückzubringen, die er im Chelsea Cloisters vergessen hatte. Sie zitierten ihn mit den Worten, dass er nach London zurückkehren wollte, es aber nicht konnte, weil "im Moment die Eisenbahner streiken." (Der Streik war schon vor Wochen beendet worden.) Und was sein derzeitiges Leben betraf: "Ich sehe fern, das ist alles." Ein Foto, das bei dieser Gelegenheit gemacht worden sein soll, zeigte einen unscheinbaren, unauffälligen Mann mit beginnender Glatze, der viel älter aussah als sechsunddreißig. Der Artikel endete mit einem treffenden Epitaph von David Gilmour: "Es war nicht romantisch. Es war eine traurige Geschichte, jetzt ist sie vorbei."

Drei Jahre später behauptete Sounds herzlos, aus "allgemein zuverlässiger Quelle" erfahren zu haben, dass Syd Barrett "Ende letzten Jahres tot vor der Tür eines Ladens gefunden wurde." Wenn überhaupt, dann hatte Syd Barrett über ein Jahrzehnt früher diese Welt verlassen. während Roger Syd Barrett sehr lebendig war, obwohl es ihm in dem Vorstadthaus am Ende der Sackgasse, wo er jetzt wohnte, nicht besonders gut ging.

David Gilmour sagt, daß sich sein Kontakt zu Syd in den achtziger Jahren auf die Nachfrage beschränkte, ob er immer pünktlich sein Geld bekam und solche Sachen. Und ich habe seine Schwester Rose gefragt, ob ich ihn besuchen könnte. Aber sie hielt es für keine gute Idee, weil ihn Dinge, die ihn an diese Periode seiner Vergangenheit erinnerten, deprimierten. Wenn er mich oder andere Leute aus dieser Zeit sieht, ist er wochenlang deprimiert. Und das ist es nicht wert."

Aber offenbar hörte das Interesse an Syd nie auf. Und als die punkinspirierte "New Wave" sich zur "Neo-Psychedelia" entwickelte, galt Syd Barrett allgemein als der Vater beider Retro-Rock-Bewegungen.

Der ausgesucht verrückte Sänger und Songwriter Robyn Hitchcock, der Ende der Siebziger in Cambridge lebte, machte sich als erster einen Namen als dreister Syd- Klon. Robyns erste Band, die Soft Boys, ging sogar - wie später auch die Jesus and Mary Chain - so weit und brachte den sperrigen Vegetable Man auf Platte heraus; Hitchcock schrieb und produzierte außerdem einen Syd Barrett-Tribut mit dem Titel The Man Who Invented Himself. Außerdem verzaubert er noch heute sein Konzertpublikum mit Dark Globe, obwohl er nachdrücklich behauptet, daß er "nicht so stark von Syd Barrett beeinflußt wurde wie viele andere Leute, zum Beispiel Bowie. Ich klinge nur mehr wie er. Ich trage meine Einflüsse eben auf der Zunge." Die populäre Band Love and Rockets erwies Syd ihren Respekt mit einer Coverversion von Lucifer Sam.

1987 taten sich eine ganze Reihe später Syd Barrett-Jünger wie die Shamen, die Mock Turtles, die Green Telescope und Death of Samantha zusammen und nahmen die britische Tribut-LP Beyond the Wildwood auf (eine weitere Kapitelüberschrift aus Der Wind in den Weiden). Ihre Coverversionen von siebzehn Syd-Klassikern. die von Arnold Layne bis "Baby Lemonade" reichen, sind meist sklavische Imitationen der Originale; aber Tracks wie das peinlich genau restaurierte, exakt im Stil der frühen Floyd gehaltene unvollendete Madcap-Stück "Long Cold Look" der Newcomer Fit and Limo. die originelle Interpretation von Jugband Blues durch Opel oder die einfallsreiche Neufassung von See Emily Play durch Chemistry Set beweisen, daß der "Crazy Diamond" würdige Nachfolger gefunden hat.

Einige Interpreten auf Wildwood spielten auch eine Statistenrolle in der unendlichen Syd Barrett / Floyd-Geschichte. Die TV Personalities, deren Apples And Oranges noch unmelodischer klingt als das Original, wurden 1984 als David Gilmour s Londoner Vorgruppe gefeuert, weil sie sich bei ihrem Auftritt nicht damit begnügten, See Emily Play zu spielen, sondern den Fauxpas begangen, auf der Bühne Syd Barretts Adresse zu verlesen. Und Plasticland, die auf Wildwood Octopus covern, arbeiteten mit Syds kurzlebigem Co-Star Twink zusammen.

Währenddessen machte im postpunkigen Amerika Richard Barones Gruppe The Bongos "Emily" zu einem Höhepunkt ihrer Live-Auftritte und Mitglieder der Feelies bildeten nebenbei die Band Gates of Dawn, deren Repertoire ausschließlich aus Syd Barrett-Songs und frühem Floyd-Materiad bestand. Die vielbewunderten REM schalteten sich mit ihrer eigenen Interpretation von "Dark Glode" ein und die franko kanadische Heavy Metal-Band Voi-Vod veröffentlichte auf ihrem fünften Album Nothingface, eine bemerkenswert werkgetreue Version von Astronomy Domine

Die achtziger Jahren erlebten auch eine neue Generation von Syd Barrett-Fanzines - Opel, Dark Globe und Clowns and Jugglers. Taschenbuchbiografien des verschwundenen Helden erschienen in den Floyd Hochburgen Italien und Frankreich. Eine hörenswerte EP mit den 1970er Sessions von Syd, David Gilmour und Jerry Shirley in John Peels BBC Radio-One-Shows (sowie mit dem bislang unveröffentlichten "Two of a Kind") wurde von dem unabhängigen britischen Strange-Fruit Label auf den Markt gebracht. Und schließlich, im Herbst 1988, gad EMI dem Druck der Fans nach und veröffentdichte eine "neue" Syd-Syd Barrett-Collection mit dem Titel Opel: eine bunt zu- sammengewürfelte Mischung uralten Materials, das (bis auf das undearbeitete Titeldemo) für die Syd-Freaks zwangsläufig unbefriedigender war als die Träume, denen sie sich in den vorangegangenen fünfzehn Jahren hingegeben hatten. (Die Produzenten hatten gehofft, auch "Vegetable Man" und Scream Thy Last Scream der Sammlung hinzufügen, bekamen aber nicht die Erlaubnis der anderen Floyd.)

Währenddessen glänzte der "Piper" weiter durch Abwesenheit, obwohl Mick Rock 1989 einen limitierten Sammelband seiner besten Rock´n´Roll-Porträts zusammenstellte und zu seinem Erstaunen Syd Barretts schriftliche Zustimmung erhielt. Der einzige in der Musikbranche, der eine Art Kontakt herstellen konnte, war Nicky Campbell von Radio One, dem es im Oktober 1988 gelang, einen Angehörigen der Familie Syd Barrett zu überreden, anläßlich der Veröffentlichung von "Opel" ein paar Worte in seiner Show zu sagen. Der Mann von Syds Schwester Rose, der Cambridger Hotelmanager Paul Breem, gab bekannt, daß Syd Barrett "ein ganz normales Leben" führte wenn auch ohne jeden Kontakt zu seinen Mitmenschen, sah man von einem gelegentlichen Einkaufsbummel mit seiner alten Mutter ab - und kein Musikinstrument mehr spielt."

Was Syds musikalische Karriere betraf so "gehört sie zu einem Lebensabschnitt, den er heute lieber vergessen will. Er hat einige schlechte Erfahrungen gemacht und, glücklicherweise, das Schlimmste inzwischen hinter sich. Er ist nun in der Lage, hier in Cambridge ein normales Leben zu führen."