Rolling Stone, Mai 2003

the pink Side of the moon

Vor 30 Jahren erschien eines der erfolgreichsten Alben der Rockgeschichte, die "Dark Side 0f The Moon" von PINK FLOYD

Songschreiber Roger Waters und Gitarrist Dave Gilmour erinnern sich wohlwollend an die Entstehung des Klassikers, der auch heute, (als eines der archetypischen Kiffer-Alben schlechthin) nichts von seiner Faszination verloren zu haben scheint. Eine Versöhnung der beiden ist aber nicht in Sicht - geschweige denn ein neues Album.

Im Jahr 19'72 wurde Roger Waters 28 Jahre alt und dem Floyd-Bassisten wurde Eines klar: er war nicht mehr im Trainingscamp der Pubertät, sondern hatte die letzte Hürde zur Erwachsenen- Welt längst hinter sich gelassen.
"Das war ein erschreckender Moment", sagt Waters 31 Jahre später. "Plötzlich wurde mir klar: Verdammt, es ist schon losgegangen. Meine Mutter hatte immer gepredigt: Irgendwann wirst du einen vernünftigen Job und eine Familie haben wollen, also bereite dich vor - du brauchst eine anständige Ausbildung und dies und das und jenes. Jahre lang ging es um die Vorbereitung auf das "wahre" Leben, das irgendwann mal kommen würde. Schlagartig erkannte ich, dass ich mich nicht mehr auf etwas vorbereitete - ich steckte schon mitten drin!"

Waters ließ diese Gedanken damals in einen neuen Song mit dem schlichten Titel "time" einfließen. Hier kommentiert er sein Dilemma mit Zeilen wie "and then one day you find ten years have got behind you" oder "shorter of breath and one day closer to death". Waters' Erkenntnisse färbten das gesamte Album an dem die Band damals arbeitete. Pink Floyds elegante und breit angelegte Meditation über das menschliche Dasein und all die Dinge, die dabei im Wege stehen können: "dark side of the moon".

Waters` Weltsicht traf einen Nerv: Nach der Veröffentlichung im März 1973 blieb "dank side of the moon" für 14 Jahre ununterbrochen in den amerikanischen Album-Charts. Bis heute hat es sich mehr als 34 Millionen Mal verkauft und die jährlichen Verkaufszahlen liegen immer noch bei durchschnittlich 250.000 Exemplaren - die aber vermutlich bald übertroffen werden, weil das Album vor kurzem auch im 5.1 Surround Sound erschienen ist.

"Die Leute wollen es immer noch", wundert sich Waters. "Ich habe den Verdacht, dass jede neue Generation Heranwachsender ungefähr zur selben Zeit loszieht und es kauft - nämlich dann, wenn die Hormone anfangen, in ihren Adern zu kreisen."

Fünf Jahre, bevor die DSotM auf den Markt kam, hatten Pink Floyd ein Gründungsmitglied und ihren wichtigsten Song-Lieferanten verloren: Syd Barrett, dessen Talent auf dem 1967 erschienenen "the piper at the gates of dawn" noch hell geleuchtet hatte, danach aber schnell von Drogen und Geisteskrankheit umwölkt wurde. Für kurze Zeit versuchte die Band, Barretts schwindende Präsenz durch ein fünftes Mitglied wettzumachen - den Gitarristen Dave Gilmour. Nach einer Hand voll Konzerten neben Barrett, dessen Absturz nicht mehr aufzuhalten war, wurde Gilnour zum Ersatz bestimmt.

"Mein großer Kampf bei Pink Floyd", so Waters, "bestand darin, eine ganz und gar unwillige Band aus Syds psychedelischen Abgründen - so schön die auch waren - herauszuziehen und zu den sehr viel politischeren und philosophischeren Themen zu führen, die ich bevorzugte."

Nach dem 1970er-Album "atom heart mother" begann Waters, den Output der Band in genau diese Richtung zu dirigieren. 23 Minuten des nächsten Albums "meddle" waren für eine Art Mini-Suite namens "echoes" reserviert, die laut Waters die Fähigkeit des Menschen beschreibt "das Menschliche in unserem Gegenüber zu erkennen und darauf mit Mitgefühl statt mit Feindseligkeit zu reagieren". Sowohl Musik als auch Text boten einen Vorgeschmack auf das, was noch folgen sollte.

Die neue Musik erhielt zunächst den Titel "eclipse (a piece for assorted lunatics)" und wurde erstmals bei einer Reihe Londoner Konzerte Anfang 1972 gespielt. Fünf Monate später und nach weiteren Live- Ausflügen begannenPink Floyd schließlich mit der Arbeit in den Abbey Road Studios - assistiert vom studioeigenen Techniker Alan Parsons, der ein Salär von 85 Dollar pro Woche erhielt. Zu jener Zeit hatten die meisten Tracks noch Arbeitstitel: die stark synthielastige Musik, aus der "on the run" werden sollte, war als "the travel section" bekannt und Keyboarder Rick Wrights monumentales Stück "the great gig in the sky", eine Beschwörung des Todes,  hieß ursprünglich "the religious section". Namen zu erfinden war jedoch das kleinste Problem.

Viel schwieriger war es, mit dem damals brandneuen 16-Spur-Mischpult klarzukommen und Möglichkeiten zu finden, das musikalische Spektrum zu erweitern, besonders bei den vielen Soundeffekten des Albums. "money", Waters' Song über die Tyrannei des Geldes, war unterlegt mit dem Geräusch von Münzen, die in eine metallene Rührschüssel fielen.

"Um diese Soundschleife herzustellen hatten wir Mikrofonständer im Kontrollraum aufgestellt, um die ungefähr acht Meter Tape herumliefen", erzählt Gilmour, der sich durchaus freundlich an die Zusammenarbeit mit Waters erinnert, trotz der Tatsache, dass die beiden in den letzten 16 Jahren kein einziges Wort mehr miteinander geredet haben. "Allerdings mussten wir aufpassen, dass es nicht zu locker wurde, weil es sonst im Aufnahmegerät Bandsalat gegeben hätte, deshalb sauste es immer rundherum um diese Mikrofonständer. Alles, was man heute digital in Sekunden erledigen kann, war damals ein logistischer Albtraum."

Es gab einige Anzeichen dafür, dass die Anstrengungen nicht umsonst sein würden - und dass über dem Projekt ein besonderer Glücksstern stand. Als Pink Floyd mit der Arbeit an "the great gig in the sky" begannen und den Wunsch nach einer weiblichen Stimme äußerten, erinnerte sich Parsons an eine Bekannte namens Clare Torry.

"Sie hatte ein Album mit Cover-Versionen gemacht", erzählt er, "und ich fand, dass sie eine tolle Stimme hatte. Als die Jungs sich die Köpfe kratzten und überlegten, wer auf dem Ding singen sollte, sagte ich, ich habe eine Idee - ich kenne da dieses Mädchen. Wir hatten ihr gesagt, dass sie keine Worte verwenden sollte, weil sie beim ersten Versuch mit "Oh yeah, Baby" und solchen Sachen kam, aber mehr Anweisungen gab es nicht. Sie musste sich da selbst reinfühlen."

Einer der interessantesten Effekte auf der DSotM sind die immer wieder auftauchenden Sprachfetzen, die alle an einem einzigen Nachmittag aufgenommen wurden, als die Band jedem, der an diesem Tag im Studio war - Roadies und den irischen Portier Jerry Driscoll eingeschlossen - eine Reihe von Fragen vorlegten, die sich auf die Themen des Albums bezogen. Ein Teilnehmer der Umfrage schaffte es allerdings nicht auf das Album. Paul McCartney stand gerade mit den Wings im Studio und machte auch gerne mit, doch seine Antworten erfüllten die Forderung nach schnörkelloser Offenheit nicht.

"Er war der Einzige, der es für nötig hielt, sich in Szene zu setzen", so Waters. "Ich fand das wirklich interessant. Er versuchte witzig zu sein, was seinen Beitrag unbrauchbar machte."

DSotM wurde von Chris Thomas abgemischt, dem englischen Produzenten, der später ausgerechnet mit den Sex Pistols arbeiten sollte. "Als die endgültige Version fertig war, nahm ich das Band mit nach Hause und spielte es meiner damaligen Frau Judy vor", erzählt er. "Sie hörte es sich von Anfang bis Ende an und brach zum Schluss in Tränen aus. Ich hielt das für ein sehr gutes Zeichen."

Der Erfolg verlieh dem Album schließlich eine von der Band kaum mehr kontrollierbare mythische Aura. Dass es zu einem der archetypischen Kiffer-Alben geworden ist, kümmert Waters und Gilmour wenig - allerdings gibt Letzterer zu Protokoll, dass Dope für die kreative Chemie von Pink Floyd keine besondere Bedeutung hatte.

"Wir waren nicht zugedröhnt, als wir diese Platten machten. Rick und ich zogen hin und wieder mal an einem Joint, Roger und Nick (Mlason, der Drummer) nie. Ich glaube schon, dass unsere Musik damals und wahrscheinlich heute noch für solche Sachen besser geeignet ist als andere. Aber sie gehören nicht unbedingt dazu. Du musst nicht stoned sein, um unser Zeug genießen zu können." Er überlegt einen Moment. "Na ja, helfen kann es schon. Viele Leute sagen auch, dass sie gerne Sex dazu haben. Everly (von den Everly Brothers) erzählte mir, es sei sein Lieblingsalbum für solche Gelegenheiten."

Beide, Waters und Gilmour, reden viel Lieber über das, was das Album bei seinen Schöpfern bewirkt hat. Aus Waters, der in einem streng sozialistischen Haushalt aufwuchs, hatte der überwältigende Erfolg einen widerwilligen Kapitalisten gemacht (der allerdings 25 Prozent seiner Einkünfte für wohltätige Zwecke spendete) und Gilmour ärgert sich über eine Veränderung in Pink Floyds Publikum. "Sie wollten, dass wir schnellere Sachen spielen, damit sie grooven, Bier trinken und einen draufmachen können."

Im Rückblick glaubt Waters auch, dass der Erfolg des Albums der Anfang vom Ende seiner Zeit in der Band war: "Wir hatten unseren Traum verwirklicht. Danach klammerten wir uns noch viele Jahre aneinander - vor allem aus Angst vor dem, was danach kommen würde, aber auch, weil wir die goldene Gans nicht schlachten wollten. Doch wir waren nie wieder eine solche Gemeinschaft. Die Band wurde immer mehr zu einem Vehikel für meine Ideen, die anderen waren immer weniger interessiert und so verlor die Sache ihre Existenzberechtigung."

Nach "the final cut", erschienen 1983, gingen die Bandmitglieder getrennte Wege, doch 1986 starteten Gilmour und Nick Mason eine Neuauflage, und trotz Waters' Versuchen, das zu verhindern, gab es bald eine Band ohne ihn. Seine Beziehung zu Gilmour hat sich davon nie erholt. "Wir haben seit 1987 keinen Kontakt mehr", erzählt Gilmour. "Und das ist mir ganz recht so."

Bei einem Zufallstreffen hat Waters die Freundschaft mit Mason erneuert und scheint mit Wright zumindest freundlichen Umgang zu pflegen. Eine Aussöhnung mit Gilmour ist aber kaum zu erwarten. "Ich vermisse ihn nicht besonders. Wir haben so wenig gemeinsam, dass es wohl für keinen von uns die Mühe wert ist, einen Neuanfang zu wagen. Aber es wäre schon gut, wenn man wenigstens geschäftlich weniger feindselig miteinander umgehen könnte."

Gilmour wird Pink Floyd also weiterhin anführen. Ob die Band allerdings noch einmal reaktiviert wird, ist sein Geheimnis. "Eigentlich würde ich lieber ein eigenes Album aufnehmen und mit anderen Projekten weitermachen." Es wird also keine weiteren Pink Floyd Alben mehr geben? "Das möchte ich nicht hundertprozentig ausschließen", sagt er. Es folgt ein Satz, der jedem englischen Aristokraten Ehre machen würde: "Man weiß schließlich nie, wohin einen die Eitelkeit führen wird."

JOHN HARRIS