Zwei Interviews, die den Status quo Anfang 2002 recht gut wiedergeben, wie ich finde:

Süddeutsche Zeitung vom 13.2.2002 / Alexander GORKOW


Über den Dingen, in die Herzen

Roger Waters, ehemaliger Kopf von Pink Floyd, ist auf Solo-Tournee. Ein Gespräch in London, mit einem unerwarteten Ende


Der Wind pfeift, die Wolken fahren Rennen, der Himmel hat einen großen Auftritt. Aber der Himmel ist weit weg.

Hier unten sieht die Sache anders aus. In der U-Bahn steht ein Dicker, der hat sich als Pokémon verkleidet und liest Bild. Ein Baby weint und kotzt einem alten Mann auf die Schuhe. Der Alte rastet aus. Dann rastet jemand wegen des Alten aus, und der Alte hält die Schnauze.

Eines der besseren Stücke von Pink Floyd heißt übrigens „One Of These Days“. Erst pfeift der Wind, Roger Waters dengelt auf dem Bass herum wie auf einem Stahlgerüst, dann ledert die ganze Kapelle los, und David Gilmour fährt auf der Steel Guitar Schlittschuh. Kurz bevor es furchtbar zur Sache geht, sagt eine batteriearme Stimme den schönen Satz: „One of these days, I am going to cut you into little pieces.“

Im Büro fiepte vor ein paar Tagen das blödeblöde Mobiltelefon. Am Apparat: ein Herr aus London.

Der Herr: „Sie haben vor langer Zeit eine E-Mail geschrieben, Sie baten damals um ein Einzelgespräch mit Roger Waters...“ – Yes, aber das ist wirklich sehr lange her. Das war in New York, als Mr. Waters im Madison Square Garden dieses Konzert...

Don’t mention the war!

„Nun, wie Sie wissen, gibt Roger nur sehr, sehr ungerne Interviews. Streng genommen gar keine. Wollen Sie das Gespräch noch führen?“ – Seltsam, Mister, ich habe erst vor wenigen Wochen David Gilmours Konzert in London...

„Ja, klar.“ – Ja, klar?

„Seien Sie morgen ab 12 Uhr im Berkeley, Knightsbridge. Bitte keine Fragen zu Pink Floyd. Roger freut sich.“ – Wieso freut er sich?

In der heruntergedimmten Lobby des Berkeley serviert das Hotelpersonal Lapsam Suchong Tee, es duftet geräuchert. Eine Dame erscheint, die Kollegin des Managers vom Telefon. Roger Waters soll ja sowas von kompliziert sein. Die Dame: „Don’t panic! Gute Fragen, und er wird gute Antworten geben. Erwähnen Sie nicht die Namen David Gilmour, Rick Wright und Nick Mason. Streichen Sie die Wörter Pink und Floyd aus Ihrem Wortschatz. Seien Sie sich darüber klar, dass er das Gespräch sonst beendet.“ Im Aufzug denkt man an John Cleese als Hotelchef in „Fawlty Towers“. Wie da deutsche Gäste eintreffen. Und seine Alte ihm einbläut: „Don’t mention the war!“ Grins! Aber jetzt nicht lachen!

Die Menschen sind wie ihre Augen. So gesehen konnte das mit David Gilmour und Roger Waters nicht mehr lange gut gehen nach dem Monumental- Alptraum „The Wall“. Seit 1980 hatten sie nur noch Streit. 1985 haben sich Waters und die Band getrennt. Die vermutlich hasserfüllteste und – gemessen an den Anwaltskosten – teuerste Trennung der jüngeren Entertainmentgeschichte. Ein Krieg von Alpha-Tieren, die sich von der Plattenfirma zu einer Zusammenarbeit genötigt sahen, die sie nicht mehr wollten.

Der ehemalige Pink-Floyd-Gitarrist und -Sänger Gilmour hat warme und etwas überhebliche Augen, er schaut bei einem Gespräch in die Ferne. Der ehemalige Pink-Floyd-Bassist, Hauptautor und Sänger Waters hat erschöpfte und sorgende Augen, die den Gesprächspartner unablässig fixieren.

Waters redet dreimal so viel wie Gilmour, und man kann sagen: Im Gegensatz zu Gilmour arbeitet er sich den Ast ab. Er reist seit drei Jahren mit immensem Aufwand herum und gibt erstklassige Solo-Konzerte, die aber auch zum Fürchten sind, weil da vorne einer, der in diesem Jahr seinen 58. Geburtstag begeht, nicht aufhört, bilderreich in seinen alten und neuen Wunden herumzustochern. Da er zwar sarkastisch ist, aber selten ironisch, und da er, wenn er zitiert, aus dem eigenen Werk zitiert, wird er seit Beginn der ironiesüchtigen 80er Jahre von Journalisten vermöbelt. Nur: Als er vor zwei Jahren durch die USA tourte mit seiner Show, in der die alten Herzschlaggeräusche, das Donnern der Kriegsflieger und das Geplapper der Fernsehmenschen durch die Hallen sausen und sich mit den Elegien auf der Bühne immer noch zu etwas Atemberaubendem vermischen: da waren sämtliche Konzerte ausverkauft. Gegen Ende der Tour stand Waters im tobenden Madison Square Garden und wunderte sich.

Er ist kein Prophet!

London, The Berkeley. Er sitzt da in einer guten Jeans, einem guten Hemd und sehr guten Lederschuhen. Er sieht nicht mehr so kubistisch aus wie auf den alten Fotos; die große Nase, die großen Augen, der große Mund, der ganze Lulatsch ist mit den Jahren freundlich in sich selbst verschwommen.

Aber er hat immer noch diese fragile Psychostimme, dazu eine bühnenreife Akkuratesse in der Aussprache, so dass die Konsonanten recht hübsch durch die Hotelsuite knallen. Zum Beispiel, wenn er prophet sagt, und dass er keiner sei, auch wenn andere ihm das unterstellten. Wenn er über den rubbish schimpft, der ihm aus dem Fernsehen entgegenquillt, und wie schwer es ihm falle, diesen Müll auszuschalten, und wie schwer es ihm außerdem falle, diesen Müll wenigstens mit Leichtigkeit zu ertragen.

Er trägt schwer, er hat Rückenschmerzen. Er sagt „Excuse me“ und pfeift dann seinen Manager am Telefon zusammen: „I don’t need a doctor who is joking me around! What I need is heat!“ Hinreißend. Hätte auf der „Wall“ Platz gehabt, zwischen „Run Like Hell“ und „Waiting For The Worms“.

Es ist in diesen Tagen genau 30 Jahre her, dass Pink Floyd im Londoner Rainbow Theatre „Dark Side Of The Moon“ vorstellten. Die Leute waren total aus dem Häuschen. Die im musikalischen Cinemascope der Platte zur Schau gestellte Vereinsamung ist Waters’ Thema immer geblieben. Im Vergleich zum Februar 1972 ist heute aber nicht seine Anhängerschaft aus dem Häuschen. Das sind ganz normale Leute. Aus dem Häuschen ist eher der Rest der Welt.

Deshalb klingen Waters’ Geschichten vom religiösen wie vom kapitalistischen Fundamentalismus, vom animalischen Hunger der alten und neuen Economy, von der Bilder- und Selbstflucht einer belämmerten Menschheit in bonbonbunte Medien inzwischen so erstaunlich moralisch. Er sagt: „Es ist absolut fantastisch und großartig, dass die Weltbörsen über Jahre nichts anderes als Papier verkauft haben, Papier, das für nichts stand, für keinen einzigen Wert, nothin’ else, jussst rubbisssh!“ Und dass die Menschen es gewusst haben, und dass es aber keine Rolle spielt, was Menschen wissen, sondern nur, was sie glauben. Und er, der dafür vor 30 Jahren noch an die Wand genagelt worden wäre, sagt, dass Nietzsche recht gehabt habe: „Du musst diese enormen Blasen, die mit Scheiße gefüllt sind, einfach wachsen lassen. Wenn sie zerplatzt sind, entsteht etwas Neues. Aber ich habe keine Lust, etwas Neues zu fordern. Ich bin nur gerne dabei, wenn die Blasen mit der Scheiße explodieren.“

Er lehnt sich also inzwischen eher an Naomi Klein an als an seinem früh irre gewordenen Freund Syd Barrett.

Er sagt, man solle sich ihn einfach als eine Art Maler vorstellen. Er male große Bilder, das sei nun mal sein Stil, „oil on canvas, if you want“. Deshalb nach wie vor der ganze Aufwand, das viele Licht, das ganze Theater der Klänge, Kino zum Hören. Er malt Bilder wie Francis Bacon, der den Heiligen auf Erden Fratzen gab. Aber Waters stellt immer wieder Blumenminiaturen, leise Lieder daneben. Das mag man sentimental finden. Oder berührend. Fazit: Man findet es im Oberstübchen manchmal sentimental, und in der Brustgegend berührend.

Wo er angekommen ist auf seiner Reise? „Bei mir. Und abseits der Bühne: bei den einfachen Dingen. Es mag heuchlerisch klingen: Aber ich habe in meinem Leben mehr glückliche Menschen gesehen, wenn ich mich von den Celebrities ferngehalten habe.“

Er meint es sehr, sehr ernst!

Er wohnt mit seiner Familie in einem Landhaus am Fluss in Hampshire. Er arbeitet seit bald zehn Jahren an einer Oper über die französische Revolution, um die ihn Sony Classics gebeten hat. Er arbeitet seit acht Jahren an einem neuen Rockalbum. „Es wird irgendwie nicht fertig, ich kann nicht aufhören, hier ein bisschen, da ein bisschen, man muss so einer Platte Zeit geben herauszufinden, wo sie hinwill.“ Es ist nicht böse gemeint: So reden junge Musiker heute nicht mehr, so reden Hippies, die es sehr, sehr ernst meinen. Ob er sich inzwischen erklären kann, dass einer wie er – mit diesem Willen und diesen Vorstellungen von der Welt und den Dingen – seiner näheren Umgebung rüde und kompromisslos vorgekommen ist. „Rüde nein, kompromisslos ja. Die ,Wall’ ist meine Geschichte. Anders ging das nicht. Nur so konnte sie erzählt werden. Wen meinen Sie übrigens mit näherer Umgebung? Meine Band, mit der ich jetzt seit drei Jahren auf Tour bin, können Sie nicht meinen. Fragen Sie die mal, ob ich ein rüder Mensch bin!“ Dann schaut er endlich auch mal in die Ferne. So wie Gilmour. Dann wieder in die Augen. Und dann lächelt er.

Er hat (vergeblich) Unsummen bezahlt, um zu verhindern, dass der Gitarrist David Gilmour, der Keyboarder Rick Wright und der Schlagzeuger Nick Mason unter dem heiligen Namen Pink Floyd noch zwei Welttourneen geben und dabei hauptsächlich seine Lieder spielen – Ende der 80er, Mitte der 90er. Er hat mit keinem der drei seit 1985 wirklich geredet. Vom schüchternen Rick Wright wird erzählt, er befinde sich seit der Trennung in einer Psychoanalyse. Nach einem Waters-Konzert vor ein paar Jahren in den USA nahm Wright allen Mut zusammen und ging backstage. Sie haben sich die Hand gegeben, Wright hat ein paar nette Sachen gesagt, Waters hat kaum geantwortet. Nach zwei Minuten war Wright wieder draußen. Unfassbar. But don’t mention the war!

Es ist ein paar Sekunden still im Zimmer. Schmoren lassen. Noch ein paar Sekunden. Dann sagt Roger Waters plötzlich: „Ich habe Nick Mason gestern Abend zum Dinner getroffen.“ Uuups!

Die Socken! Die Socken!!

Das war so: Sie haben sich vor einigen Wochen in der Karibik gesehen. Zufall. Er sei näher hingegangen, weil er wissen wollte, ob das wirklich der alte Nick ist. Sie haben vor 35 Jahren eine Band gegründet, aber sie haben sich seit 17 Jahren nicht mehr gesehen. „Ich dachte plötzlich: Was soll der ganze Scheiß?“ Und dann? „Da standen wir nun. Wir haben uns für London verabredet. Gestern haben wir uns getroffen.“ Und? „Es war nett, sehr lang, really fine!“ Die alten Zeiten? „Sicher, ja.“ Wird man wieder was zusammen machen? Leise sagt er etwas, das man am besten mit „Och nö“ übersetzt. Und wieder lächelt er.

Nicht Pink und nicht Floyd gesagt. Er hat damit angefangen. Man schaut sich den Mann noch mal an. Und mit einem Mal sieht man, dass er nicht nur eine gute, aber unauffällige Jeans, ein gutes, aber unauffälliges Hemd und sehr gute, aber unauffällige Schuhe trägt. Sondern auch: rosa Socken.

Jesusmaria! Da geht er zum ersten Mal seit 17 Jahren mit seinem alten Kumpel von Pink Floyd aus. Dann geht er in die Heia. Und am nächsten Morgen wählt er bei den Socken die Farbe Pink. Touched by your presence, Mr.Waters!

Vorm Zimmer der Manager. Schaut etwas fahrig in ein grinsendes Journalistengesicht, fragt: „Hat er es Ihnen erzählt?“ Yes, Sir!

Der Manager seufzt. Draußen gießt es wie aus Eimern. Kein Wind, kein Wolkenrennen. Nur Regen. Große Auftritte gibt es in London manchmal am Himmel. Aber oft auch am Boden.


ALEXANDER GORKOW

Roger Waters’ Konzerte in Deutschland: Erfurt (17.5.), Köln (18.5.), Oberhausen (20.5.), Hannover (22.5.), München (4.6.), Frankfurt (5.6.), Berlin (9.6.) und Stuttgart (17.6.).

Süddeutsche Zeitung vom 22.1.2002 / Alexander GORKOW


David Gilmour-Konzert - Pink dräut

Pink Floyd ist tot
– und David Gilmour gibt in London höchst seltsame Kammerkonzertabende


Mit dem wahren Reichtum stellt sich bei Menschen, denen es an Stil nicht mangelt, die Sehnsucht ein, Ballast abzuwerfen. Diese Menschen wollen recht eigentlich: verschont werden. Von Lärm, Aufwand, Gesinnungshuberei und allerlei prätentiösem Quatsch.

Der Pink Floyd-Gitarrist David Gilmour war einmal ein stiller und schlauer Hippie, dem man nicht nur entrückte Schönheit zusprach, sondern auch eine englische Form von Arroganz oder vielleicht auch nur understatement, so sicher war man sich da nie. Heute ist David Gilmour ein weißhaariger und stämmiger Herr von mehr als Mitte 50, dem es, so viel kann gesagt werden, an Stil nicht mangelt: Er kocht gerne und gut, was man ihm ansieht. Er bewohnt abwechselnd sein Turn of the Century -Mahagony-Hausboot nahe des Schlosses in Hampton sowie seinen Landsitz in Sussex. Er fliegt, wenn er nicht gerade in seinem Hausboot-Musikstudio auf der Gitarre herumzupft, mit antiken Privatflugzeugen durch die Sommerfrische.

» Eine junge Frau rief plötzlich laut in die Stille hinein: „David, you are my daddy!“ Da war er wieder, der alte Wahnsinn. «

Seine drei Solo-Abende in der Londoner Royal Festival Hall, die er jetzt trotz der hartnäckigen Weigerung, neues Material zu veröffentlichen, unter Anteilnahme weltweit angereister Fans und Journalisten, nun ja – abhielt – , umspannten nur äußerlich das Flair des Sensationellen, Ausverkauften, Nicht-zu-Fassenden. In der Form waren sie vor allem ein statement, das mit dem Wort understatement nicht hinlänglich beschrieben ist. Oder, in den Worten des begeisterten Guardian: „By Floyd- Standards, it’s a skiffle gig in a school hall.“

Alles war sozusagen Familie, ein Hausmusikabend im Kammerkonzertformat. Dementsprechend hatte sich der Hausherr Freunde eingeladen. Zum Beispiel den überaus liebenswürdigen und zerstreuten Pink-Floyd- Kollegen Richard Wright, ein Isn’t It-Engländer vor dem Herrn, der noch weißhaariger als Gilmour auf die edle Konzertbühne stakst, vor dem Klavierspielen die Finger lustig über der Tastatur lockert und dann eine Lesebrille aufsetzt, damit er die weißen Tasten besser von den schwarzen Tasten unterscheiden kann.

Zum Beispiel den Saxofonisten Dick Parry, der schon 1975 für die Studioversion von „Shine On...“ blies, und der es an diesem Abend noch einmal macht, als Gilmour das Lied ganz zu Anfang und zunächst alleine zur flirrenden, dann prasselnden Akustikgitarre leuchten lässt.

Sowie auch die Sängerin Kate Bush, die seit 25 Jahren kaum eine Konzertbühne betreten hat, und nun mit Gilmour eine leise, entrückte, bewegende, eine hinreißende Version des „Wall“-Klassikers „Comfortably Numb“ interpretiert.

Auf der Bühne versammeln sich im übrigen ein Kontrabassist, eine Cellistin, der Großtastenmeister Michael Kamen, ein sparsam ausgerüsteter Schlagzeuger – sowie ein neunköpfiger Chor, welcher keinesfalls die sonst satte Orgelei der alten Pink Floyd ersetzt, stattdessen Lieder wie „High Hopes“ und „Shine On You Crazy Diamond“ mit Mehrstimmigem und dem einen oder anderen Kanon anreichert, sonst aber hinten im Halbkreis steht und den Rand hält. Es ist geradezu abenteuerlich, wie sich ein Chor von sieben Frauen und zwei Männern derart zurücknehmen kann.

Vielleicht ist es aber auch nur das Gegenteil von Rock’n Roll und Halligalli, denn insgesamt scheint Gilmour diesem Gegenteil sowieso verfallen.

Er treibt es in dieser Hinsicht sogar auf die Spitze.

Wer als Teenager nach Genuss von Gilmours monströsem Fender-Stakkato mit Nervenflattern aus der „Wall“-Show wankte und für einige Tage den Schulbesuch verweigerte, der sinniert heute – 21 Jahre später – ganz erheblich über Sein und Zeit, wenn derselbe Gilmour mit Koloraturgesang zur Akustischen „Je croix entendre encore“ aus Bizets „Perlenfischern“ anstimmt. Hätte er jenen Bizet nicht so sauber über die Bühne geschaukelt, man wäre angesichts dieses gewaltigen Paradigmenwechsels und der damit einhergehenden Melancholie feixend irre geworden und gradweg in die Themse gelaufen.

So aber hält der in hohem Maße schöne wie skurrile Abend auch die Erkenntnis bereit, dass es seitens Gilmours nichts mehr werden wird mit einer allerletzten Pink-Floyd-Tournee oder ähnlichen Eskapaden. Roger Waters, der im Gegensatz zu seinem Gitarristen nicht für die Schönheit, sondern für den Irrsinn in der Musik der Band verantwortlich war, träumt die alten Alpträume seit zwei Jahren auf einer immensen Welttournee alleine weiter. In diesen Konzerten kriegt man, wie man so sagt, wirklich was geboten. Große Epen, große Musiker, das ganze Kopfkino in grandiosem Ausmaß. Fehlt nur die väterliche Stimme, fehlt die Gitarre als krachende wie trostspendende Seelendroge, fehlt Gilmour.

Bei Gilmour aber fehlt nicht Roger Waters. Gilmour hat mit dessen luzider, aber gnadenlosen Kälte nichts mehr zu schaffen. Er hat sozusagen Familie.

Roger Waters fehlt nicht, wenn das Publikum mit rührender Inbrunst das Finale von „Wish You Were Here“ anstimmt, er fehlt nicht, wenn Kate Bush und Gilmour die verteilten Rollen in „Comfortably Numb“ wiederbeleben, er fehlt nicht in den alten, fröhlich bekifften „St.Tropez“-artigen Strandblues-Nummern wie „Fat Old Sun“ von „Atom Heart Mother“, denen Gilmour mit dem neuen Song „Smile“ einfach eine lebenskluge Strandblues-Nummer anfügt.

Roger Waters fehlt deshalb nicht, weil Gilmour wieder da angekommen ist, wo Pink Floyd ganz früher, lange bevor Waters die Band in die Messehallen und Stadien führte und diese Spielstätten unter Stahlgewitter legte, angefangen hat: im Konzerthaus. In der Royal Festival Hall an der Themse haben sie einst, in den späten 60-ern, Teile von „Ummagumma“ eingespielt. Seine Konzerte im Jahre 2002 gibt David Gilmour aber vor allem deshalb in der Festival Hall, weil er es danach nicht weit zu seinem Zweitwohnsitz hat. Das Hausboot liegt ja nur ein paar Meilen entfernt an der Themse.

Diese Hauskonzerte sind ihrer glasklaren Schönheit gleichzeitig die Krönung und das Ende von Pink Floyd.

Gilmour also hat schlicht keinen Bock mehr auf das ganze Theater. Turmhohe Helium-Schweine und dicke Gummi-Muttis, die die Zuschauer mit Laseraugen löchern. Zigtausende von Fans, denen die Sicherungen durchbrennen. Schön war die Zeit.

Irgendwann an diesem umjubelten Abend wurde es still in der Festival Hall. Der Mann stimmte zwischen zwei Liedern ausufernd seine Gitarre. Eine junge Frau rief plötzlich laut in die Stille hinein: „David, you are my daddy!“ Da war er wieder, der alte Wahnsinn.

Gilmour aber schaute nicht einmal hin, sondern weiter auf den Bühnenboden. Er zog nur sehr kurz eine Augenbraue hoch. Dann stimmte er weiter die Gitarre. Zirpzirp. Ploinploing. Eine Ewigkeit lang.

Dann spielte er „A Great Day For Freedom“.


ALEXANDER GORKOW